2013-2-maerz 2013

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Informationsblatt der Christinnen u. Christen für die Friedensbewegung –
Nr. 2/2013

Versandt als „Betrifft Frieden“ Nr. 2 / 2013

Liebe Friedensfreundin, lieber Friedensfreund,

das nächste Treffen findet am
Sonntag, dem 17. März 2013 um 14:30 Uhr in der Evangelischen Pfarrgemeinde HB,
1150 Wien, Schwegler Straße 39 (U3 „Schwegler Straße“)
statt. Barbara Rauchwarter stellt um 16:00 Uhr ihr neues Buch vor: „Genug für alle – Biblische Ökonomie“

Inhalt:
Barbara Rauchwarter: Tulpen aus Amsterdam
Kaplan Franz Sieder: Kein Friede ohne Gerechtigkeit
Hildegard Goss-Mayr: Aus den Fängen von Macht und Gewalt zum Befreiungsweg Jesu. Zwei Zeugen für unsere Zeit: Franz Jägerstätter (1907 – 1943) und Jean Goss (1912 – 1991)

Kurzmeldungen und Termine

Barbara Rauchwarter
Tulpen aus Amsterdam

Die Blase der „Bubbleconomy“ ist also geplatzt. Und wir haben es schon immer gewusst. Das Mehr, Weiter, Höher ist verpufft wie eine Seifenblase. Wir könnten uns also freuen darüber, dass wir mit unserem Verdacht recht behalten haben. Aber das, was wie ein Spiel aussah, hat Folgen. Arbeitsplätze gehen vor allem bei Jugendlichen verloren und damit nicht nur Lohn, der Leben ermöglicht, sondern  Tätigsein, das Lebenssinn stiften kann. Und die Bewertung von Menschen nach Einkommen, Leistung und Erwerbsarbeit ist geblieben, das Umdenken bleibt weit gehend aus. Im Schulsystem ist der Religionsunterricht wohl  der einzige Ort, wo diese Maßstäbe nicht gelten. Aber reicht eine Stunde in der Woche aus, um aufzurichten, zu bestärken, zu bejahen, zu stützen? Machen wir einander Mut zur Zuversicht: es ist etwas, es ist mehr als nichts.

Im Frühjahr und Sommer erfahren wir etwas über Gottes verschwenderische Großzügigkeit:

Vielfältige Farben, Formen, Duft werden uns geschenkt. So erzählen z.B. Tulpen etwas über die Macht der Gewaltlosigkeit, wenn sie ihre Blätterspitzen und Knospen der Sonne entgegenstrecken, das Erdreich durchbrechen, den Stängel empor  strecken, höher wachsen lassen und schließlich den Blütenkelch entfalten, jedes Blütenblatt ein Farbtupfer gegen das Grau in Grau des Alltags.

Paul Gerhardt besingt 1653  in dem Lied „Geh aus mein Herz, und suche Freud“ die Schönheit der„Tulipan“ – herrlicher als „Salomonis Seide“, fünf Jahre nach Beendigung des dreißigjährigen Krieges. Das Elend und der Hunger, mit dem der Krieg das Land überzogen hatte, waren weder vergessen noch überwunden. In den Niederlanden war 1634 eine Tulpenmanie ausgebrochen. Schiffe hatten die Tulpenzwiebeln aus dem Orient herangeschafft und die eleganten Blumen wurden zu einem bemerkenswerten Statussymbol. Alle wollten sie haben. Die Preise für die Zwiebeln stiegen ins Unermessliche, 1635 wurden nicht mehr die Zwiebeln selbst, sondern Papierstreifen mit der Beschreibung der Blüte gehandelt. Und 1637 platzte die Tulpenblase. Wie jetzt in den USA sanken ja nicht die realen Vermögenswerte – Immobilie bleibt Immobilie, Tulpe bleibt Tulpe, sondern der Buchwert. Ein gieriger Optimismus hatte der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Und die Niederlande in ein katastrophales Wirtschaftschaos getrieben.

In Holland wird heute noch  eine Anekdote erzählt, die uns zu denken geben sollte:

Ein niederländisches Handelsschiff hatte auf der Rückreise aus dem Orient nach einem Sturm drei Schiffsbrüchige aus dem Meer gefischt, die durchnässten, verfrorenen, zutiefst verschreckten Menschen wurden in Decken gehüllt und in die Kapitänskajüte gebracht, wo ein Ofen für Wärme sorgte. Man gab ihnen auch zu essen:

Matjes-Salzheringe mit Kartoffeln. Als nun der Kapitän nach den Verunglückten sehen wollte, stellte er fest, dass die Tulpenzwiebeln auf seiner Fensterbank fort waren.  Er hatte sie für gutes Geld erworben und wollte sie in Holland mit einem phantastischen Gewinn verkaufen. Er stellte die Schiffsbrüchigen zur Rede. Sie antworteten zögernd und zu tiefst erschrocken: sie hätten die Zwiebeln genommen, in hauchdünne Streifen geschnitten und mit den Heringen verzehrt, denn zum Matjesessen gehörten Zwiebeln.  Was in Holland und Norddeutschland auch jeder und jede weiß. Der Kapitän tobte. Er habe an ihnen gehandelt wie der Samariter aus Jesu Gleichnis über die Nächstenliebe, sie vor dem Ertrinken bewahrt, sie gekleidet, gewärmt, ja, er habe sie sogar in seiner prachtvoll eingerichteten Kajüte untergebracht und ihnen zu essen gegeben.  Beschämt standen die Schiffsbrüchigen vor ihm. Dann hob einer den Kopf und sagte: Nächstenliebe – das ist Hering mit Zwiebel.

Was für eine hilfreiche Definition! Die geplante bedürfnisorientierte Grundsicherung – eigentlich eine Neuordnung der Sozialhilfe, ist zweifellos Hering ohne Zwiebel: Sie  liegt unter dem Betrag, mit dem die so genannte Armutsgrenze definiert ist, deckt nur die allernotwendigsten Ausgaben und erspart den Antragstellern und Antragstellerinnen den Nachweis der Bedürftigkeit (sprich Armut) nicht. Da könnte ja jeder kommen! Von vielen wird das als demütigend empfunden. Die Erfahrung zeigt, dass vor allem Pensionistinnen davor zurückschrecken, Sozialhilfe, Heizkostenunterstützung oder andere Hilfe, die ihnen zustünde, einzufordern, weil sie sich ihrer Armut schämen. So fest geschrieben ist der Maßstab der Leistung und des Verdienstes – das  suum cuique,„jedem das seine“ des Aristoteles - in unser aller Denken. Bibelfeste Menschen ergänzen mit 2. Thess 3,10: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ und übersehen das entscheidende Wort: „wer nicht arbeiten will...“ . Das Zitat ist also nicht tauglich zur Verurteilung der Arbeitssuchenden oder jener, die wie die Pensionistin nie mehr Erwerbsarbeit finden wird. Oder für die vielen „working poor“, die in mehreren prekären Arbeitsverhältnissen zur gleichen Zeit beschäftigt sind und doch kein Auskommen finden.

Gott will, dass alle bekommen, was sie zum Leben brauchen: Hering mit Zwiebel.

(aus: das WORT evangelische Beiträge zu Bildung und Unterricht, Nr. 2/ 2009, Wien S.43)

 

Kaplan Franz Sieder
Kein Friede ohne Gerechtigkeit
Friedensgottesdienst am 17. Februar 2013 in der Donaucitykirche

Bevor ich über den Frieden etwas sage, möchte ich versuchen, Ihnen zu sagen, warum der Friede und die Gerechtigkeit für jeden Christen und jede Christin ein Herzensanliegen sein sollte.

Wenn wir aus der Heiligen Schrift herausfiltern möchten, um was es diesen Jesus von Nazareth letztlich gegangen ist, dann ist es über alle Zweifel erhaben, dass es Jesus vorrangig um das Werden des Reiches Gottes in dieser Welt gegangen ist. Und wenn wir uns dann fragen, was Jesus unter Reich Gottes verstanden hat, dann können wir auch sehr klar sagen, dass das Reich Gottes im Verständnis von Jesus gesehen werden muss auf dem Hintergrund der großen Menschheitsfragen nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach einem menschenwürdigen Leben für alle Menschen unserer Erde. Das war vor 2000 Jahren das zentrale Anliegen von Jesus und das ist auch heute das zentrale Anliegen von Jesus.

Wenn wir als Christinnen und Christen über Frieden nachdenken, dann geht es nicht nur um den Frieden im eigenen Haus – um den familiären Frieden oder um den Frieden mit den Nachbarinnen und Nachbarn. Es geht auch nicht nur um den Frieden im eigenen Land. Auch wenn wir persönlich wenige Möglichkeiten sehen, weltweit etwas zu verändern, so ist unsere Verantwortung als Christinnen und Christen immer eine universale Verantwortung. Es gibt nichts in der Welt, das uns nichts anginge.

Das sollte uns noch mehr an diesem bedeutenden Ort des UNO-Gebäudes bewusst sein, wo alle, die hier arbeiten, eine bewusste weltweite Verantwortung haben. Hier in Wien ist das Weltzentrum für die Atomenergie. Die Atomenergie macht es erstmals in der Geschichte der Menschheit möglich, alles Leben auf dieser Erde auszulöschen. Der frühere Chef der Atomenergiebehörde – der Ägypter El-Baradei hat vor seinem Weggehen von Wien einmal gesagt, dass die Gefahr einer atomaren Katastrophe sehr groß ist und dass wir wachsam sein sollen.

Im Evangelium sagt uns Jesus heute: „Ihr Heuchler, das Wetter wisst ihr zu deuten – warum deutet ihr nicht die Zeichen der Zeit.“ Er möchte uns damit sagen, dass wir der Wirklichkeit unserer Welt offen in die Augen schauen sollen. Wir sollen die Wirklichkeit anschauen mit den Augen des Glaubens. Im Licht des Evangeliums sollen wir das deuten, was sich in der Welt abspielt.

Mir tut es leid, dass die österreichischen Bischöfe nur sehr halbherzig hinblicken auf das, was sich in Österreich und weltweit heute in Gesellschaft und Wirtschaft abspielt. Heute werden in fast allen Kirchen Österreichs die Fastenhirtenbriefe des jeweiligen Bischofs verlesen. Ich kenne nur den Fastenhirtenbrief des St. Pöltner Bischofs – aber ich denke, dass sich die Hirtenbriefe der anderen Bischöfe nicht wesentlich unterscheiden. Es werden da die Christinnen und Christen aufgerufen, frömmer zu werden – zu beten und zur Beichte zu gehen. Ich möchte das alles nicht in Frage stellen oder negativ bewerten, aber es ist eine total verkürzte Sicht der Botschaft Jesu. Wenn das zentrale Anliegen von Jesus das Werden des Reiches Gottes auf dieser Welt ist – das Werden einer gerechteren und friedlicheren Welt – dann müssten die Bischöfe in der Zeit einer Wirtschaftskrise, die schon jahrelang dauert, einmal die ganze Ungerechtigkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems aufzeigen und benennen. Dass die Kluft zwischen Arm und Reich weltweit auseinandergeht, das ist kein Schicksal und das ist schon gar nicht gottgewollt – das ist die Frucht eines verbrecherischen Systems, das zerstört werden muss. Warum haben die österreichischen Bischöfe nicht den Mut, zu sagen, dass eine Vermögensumverteilung von Reich zu Arm dringend notwendig wäre und auch gottgewollt ist. Wenn Jesus die Menschen nur aufgerufen hätte zum Beten und zur Frömmigkeit, dann wäre er ganz sicher nicht nach einem politischen Prozess umgebracht worden. Wir dürfen den Kreuzestod Jesu nicht so deuten, dass Gott diesen Verbrechertod seines Sohnes gebraucht hat, um sich mit der sündigen Menschheit zu versöhnen. Das müsst schon ein sehr eigenartiger Gott sein, der so etwas braucht. Jesus wurde umgebracht, weil er in einem damals brutalen diktatorischen System die Liebe bis zur letzten Konsequenz gelebt hat und zur gelebten Liebe gehört immer auch der Einsatz für Gerechtigkeit. Die Kirche war immer stark in der Caritas, aber sie war schwach in der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hängt immer mit den Strukturen zusammen. Gerechtigkeit ist in Strukturen gegossene Liebe. Es sollen Strukturen geschaffen werden, wo jeder Mensch auf dieser Erde die gleichen Lebenschancen hat. Momentan gibt es diese Strukturen nicht. Weltweit spielen wir auf einem schiefen Fußballfeld – die einen spielen bergauf und die anderen spielen bergab. Wir in Österreich gehören zu denen, die bergab spielen. Es gibt auf Dauer keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. In der Bibel steht sogar der Satz „Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ Ich würde daher Friede folgendermaßen definieren: „Friede ist die fortschreitende Realisierung der demokratischen und sozialen Grundrechte aller Menschen.“ Es gibt keinen dauerhaften Frieden ohne Gerechtigkeit. Wenn wir die Wirklichkeit mit den Augen des Glaubens sehen – was sollten wir da noch sehen und denken?

Wir sollten auch sehen wie weltweit Milliarden, wenn nicht Billionen von Dollars oder Euros in die Rüstung gesteckt werden und nebenbei verhungern jährlich Millionen von Menschen. Das ist ein Verbrechen, das zum Himmel schreit. In der Bibel ist die Vision Gottes niedergeschrieben, dass Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden – die Vision, dass wir eines Tages keine Atombomben, keine Drohnen, keine Panzer und keine Gewehre zum Umbringen mehr brauchen. Soweit sind wir noch nicht, dass wir auf alle Heere in der Welt verzichten könnten. Bei der erst einige Wochen zurückliegenden Volksabstimmung über ein Berufsheer in Österreich hätte ich mir ohne weiteres vorstellen können, dass das Volk nicht nur über Wehrpflicht oder Berufsheer befragt wird, sondern auch über die Abschaffung des Bundesheeres. Sozialdienst und Katastrophenschutz haben ja mit einem bewaffneten Heer absolut nichts zu tun. So wie wir als Österreicherinnen und Österreicher der Welt ein Beispiel geben, dass wir auch ohne Atomkraftwerke leben können – so könnten wir, nachdem wir nur mehr von befreundeten Staaten umgeben sind, der Welt ein Beispiel geben, dass es auch möglich ist, ohne Heer zu leben.

Wenn wir vom Frieden im christlichen Verständnis sprechen, müssen wir auf jeden Fall auch den Aufruf von Jesus zur Feindesliebe erwähnen. Feindesliebe im menschlichen Zusammenleben heißt nicht, dass ich den / die, der / die mich verleumdet hat, gerne haben muss – es heißt aber, dass ich ihm oder ihr jenes menschliche Wohlwollen entgegenbringen möchte, das ich versuche, allen Menschen unserer Erde entgegenzubringen. Feindesliebe in Konfliktsituationen der Völker heißt, dass die Menschen nicht nur eine Sensibilität für die Leiden des eigenen Volkes haben, sondern auch für die Leiden des Feindes. PalästinenserInnen und Israelis können erst dann zu einem wirklichen Frieden finden, wenn ihnen bewusst wird, dass auch die Gegner und Gegnerinnen Menschen sind, die leiden.

Unser Blick soll sich auch auf positive Entwicklungen richten. Positiv sehe ich, dass weltweit keine Angriffskriege mehr geführt werden und dass solche weltweit auch geächtet werden. Ein Napoleon hat nur Angriffs- und Eroberungskriege geführt und er wurde dafür als großer Feldherr bejubelt.

Positiv ist auch, dass in über hundert Ländern der Welt die Todesstrafe abgeschafft ist. Jegliches Töten ist ein Verbrechen – auch wenn der Ermordete Saddam Hussein oder Bin Laden ist.

Positiv sehe ich auch, dass gerade die UNO bemüht ist, Konflikte durch den Dialog und nicht durch Waffen zu lösen. Der primitive Krieg beginnt immer dort, wo die Sprache aufhört.

Liebe Freundinnen und Freunde! Wenn wir von einer weltweiten Verantwortung für Friede und Gerechtigkeit sprechen, die wir alle haben, dann fühlen wir uns oft sehr ohnmächtig, was wir wirklich tun können. Mich haben die Hinrichtungen und die Forderungen jener politisch Gefangenen, die sich für Gerechtigkeit eingesetzt haben, immer sehr bewegt. Ich habe mich auch ohnmächtig gefühlt, ihnen zu helfen, bis ich vor 30 Jahren zu Amnesty International dazu gegangen bin. Allein können wir wenig ausrichten, aber in Solidarität mit anderen, können wir viel tun.

Auch in unserer Pax-Christi-Bewegung, der weltweiten kirchlichen Friedensbewegung, ist schon viel geschehen. Herr Felix Bertram war hier in Wien als Vertreter von Pax Christi auch bei der UNO tätig. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass weltweit die Anti-Personen-Minen, die so vielen Menschen das Leben gekostet haben, verboten wurden.

Auch der Arbeiter oder die Arbeiterin kann allein in seinem / ihrem Betrieb kaum etwas tun für gerechte Zustände. In Solidarität mit den anderen kann er oder sie durch die Gewerkschaft viel erreichen.

Liebe Freundinnen und Freunde! In einigen Wochen wird für die Weltkirche ein neuer Papst gewählt. Ich wünsche mir, dass es ein Papst wird, der der Kirche ein menschliches Antlitz verleiht. Bei den Reformen, die wir von ihm erwarten, geht es nicht vorrangig um Zölibat oder Nicht-Zölibat der Priester. Vorrangig muss es darum gehen, dass die Kirche ein wirksames Instrument ist, für das Werden des Reiches Gottes – für eine gerechtere und friedlichere Welt.

 

Hildegard Goss-Mayr
Aus den Fängen von Macht und Gewalt zum Befreiungsweg Jesu
Zwei Zeugen für unsere Zeit:
Franz Jägerstätter (1907 – 1943) und Jean Goss (1912 – 1991)
Referat beim Jägerstätter-Gedenken am 9. August 2012 in St. Radegund

Sein Vater von Jean, Paul Goss, stammt aus einer protestantischen Familie der Lyoneser Mittelschicht. Er verliert früh seine Eltern und wird um sein Erbe gebracht. Paul steht unter dem Einfluss anarchistischer Strömungen seiner Zeit. (…) Jeans Mutter, Jeanne Boni, kommt aus der Lyoneser Bourgeoisie. Sie ist gläubige Katholikin, eine starke Frau, die die Familie trägt und den Kindern Glauben und Vertrauen ins Leben vermittelt. (…) Die Familie lebt in großer Armut, ja im Elend. Eine regelmäßige Schulbildung ist bei diesem Wanderleben nicht möglich. (…) Mit 16, als ungelernter Arbeiter in einer Buchbinderei in Bordeaux, erlebt Jean erstmals intensiv das Unrecht gegenüber den Kleinen, Schwachen. Deshalb tritt er der Gewerkschaft bei, die für ihn zum ersten Instrument wird mit der Kraft der Wahrheit für Gerechtigkeit einzutreten. (…)

Gemeinsamkeiten der beiden

Beide Franz und Jean leben in einer Zeit des Umbruchs, auf den sie nicht vorbereitet sind. Sie verfügen über keine politische Bildung.

Beide haben eine harte Jugend, keinen Zugang zu einer höheren Schulbildung. Sie machen die Erfahrung der Armut. Dieses Erleben öffnet ihr Verständnis für die Situation der Armen und Unterdrückten.

Beide sprechen die Sprache des Volkes, Jean die Sprache des Gewerkschafters, eine Sprache, die dem Leben verbunden ist. Ja, Jean schreit oft das Unrecht hinaus, um die Gewissen aufzurütteln – was nicht von allen Zuhörern geschätzt wird.

Sind es in der Bibel nicht immer wieder Kleine, Ungelernte, die zu Propheten, zu Zeugen des Reiches Gottes berufen werden? (…)

Hitlers Regime und der zweite Weltkrieg:
Wurzeln für die Umkehr von Franz und Jean = beide sind Mystiker

Sie lebten auf den entgegengesetzten Seiten der Fronten

Franz
Seit seiner Begegnung und Ehe mit Franziska vertieft sich Franz immer stärker in das Evangelium. Als Messner wachsen sein Glaube und seine Einsicht in die Unmenschlichkeit, in das Böse, in die Gottlosigkeit und Machtbesessenheit des Regimes. Diese Erfahrung  belastet, peinigt sein Gewissen. In dieser Situation kommt es zu dem Traum, der zur Wende seines Lebens führt: Er sieht den Zug mit den blind ergebenen Menschen in das Verderben rasen.

Ja, Franz ist Mystiker: er öffnet sein Herz und seinen Verstand dem Anruf Gottes, der  Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes wie  der Sündhaftigkeit des von diesem in seinem Größenwahn entfachten Krieges zu widerstehen. Nein, unschuldige Menschen zu töten widerspricht radikal der Botschaft Jesu. Schritt für Schritt wächst diese Gewissheit in Franzens Gewissen und führt in wachsender Klarheit zu seiner Entscheidung, den Waffendienst zu verweigern und die Konsequenzen aus diesem Schritt auf sich zu nehmen. Wir wissen, dass auf diesem schweren Weg in Treue zu seinem Gewissen, Franziska bis ans Ende seine treue Begleiterin geblieben ist. Franz wird zum Kriegsdienstverweigerer in der Nachfolge des Liebesgebotes Jesu, zum Märtyrer in Treue zu seinem Gewissen. Er widersteht der Lüge und Macht des Regimes, lässt sich nicht zum Töten vereinnahmen. So bezeugt er die große innere Freiheit des Christen, über die das mörderische Regime keine Macht  hat.

Jean
Auch Jean Goss bedarf der Umkehr. Er wächst als engagierter, doch traditioneller Christ auf. Während des Wanderlebens der Familie setzt er sich mit seinen Geschwistern in den jeweiligen Pfarren ein. In  dem festen Wohnsitz in Arcueil -Paris baut er die christliche Gewerkschaft auf. Jean ist sozial engagiert, doch politisch unerfahren. Er leistet den Militärdienst und wird Unteroffizier.

Wie alle Franzosen betrachtet er mit Sorge die Politik und die Kriege Mussolinis, den Bürgerkrieg in Spanien und den Aufstieg Hitlers. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges wird er  als Unteroffizier in ein Regiment mit nahezu ausschließlich algerischen Soldaten eingezogen. Den ganzen Winter und das Frühjahr 1940 kommt es in Frankreich zu keinen Kämpfen. Der Krieg spielt sich nach dem Polenfeldzug in Skandinavien und Holland ab. Doch im Mai schlägt die deutsche Armee in Frankreich zu. Sie überrollt große Teile des Landes und umkreist, aus Belgien vorstoßend, die französischen und alliierten Truppen. In größter Not wird versucht, 300.000 Soldaten von Dünkirchen nach England einzuschiffen. Um dies zu ermöglichen, muss der Vormarsch der deutschen Panzer um jeden Preis gestoppt werden. Es kommt zu der blutigen, opferreichen Schlacht bei Lille, in der Jeans Regiment eingesetzt wird. Mit großem Mut kämpft er Tag und Nacht mit einem Panzerabwehrgeschütz gegen, wie er meint, den „Teufel Hitler“, und  erhält hohe Auszeichnungen. Doch wie er sieht, dass er weder Nazibonzen noch Generäle tötet, sondern kleine Leute wie er, Familienväter und junge Männer, ist das Gewissen des Christen und Gewerkschafters zutiefst erschüttert. Er ist erschöpft und entmutigt. In dieser Situation kommt es zur Wende seines Lebens, die er in einem Brief so beschreibt:

„Eines Tages, kurz vor meiner Gefangennahme, erwachte ich plötzlich wie außer mir: Mit ungeheurer Kraft brachen Friede und Freude in mir aus. Ich hätte mein Glück hinausschreien können. Ich war erfüllt von Vertrauen, Gewissheit und Frieden, völlig unverständlich, denn ich war ja mitten im Krieg. Es war mir, als schwebte ich über den Menschen, die alle nach irgendetwas zu laufen schienen, das sie gänzlich fesselte. Und gleichzeitig durchdrang meine Seele eine immense Liebe zu ihnen: ich liebte sie...Ein tiefes Verlangen, den Menschen dieses unendliche Glück weiterzugeben, erfüllte mich. Und ich erhielt die Antwort: “Ich bin der Vater all dieser Menschen! Ich liebe sie mehr als alles, was du dir vorstellen kannst...Ich habe sie erschaffen, damit sie Gott seien mit MIR, das heißt, dass sie lieben, wie ich sie geliebt habe, bis zur Hingabe ihres Lebens füreinander... Lehre sie, einander zu lieben, so wie ich sie liebe.“ (Brief an Edmund Stinnes, 6.Februar 1980)

In dieser Gottesbegegnung offenbart sich Jean die EINHEIT und unantastbare Würde aller Menschen: Freund und Feind. Die totale Gewalt, die er erlebt, kann nur durch die sich hinschenkende, unbedingte Liebe, die auch den Feind einschließt, überwunden werden. Diese Liebe ist für ihn, wie er immer neu betont: “Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie ist aktiv, dynamisch, aggressiv gegen das Böse, nicht aber gegen den Menschen, lebenspendend und erlösend, das heißt, sie zahlt für die Schuld des Andern.“

Vier Jahre verbringt Jean in Kriegsgefangenschaft in Nord-Ostdeutschland, wo er bei Großbauern arbeitet. In dieser Zeit entdeckt er langsam in dieser universellen, unbedingten gewaltfreien Liebe Gottes: Jesus, dem er sein ganzes Leben innig und sehr persönlich verbunden bleibt. Er erkennt, dass es seine Mission ist, diese Liebe  als Kriegsgefangener umzusetzen. Mit großer Entschlossenheit setzt er sich für die Rechte seiner Kameraden ein; dabei gerät er in Konflikt mit  Großbauern und dem deutschen Militär und wird  zum Tode verurteilt: doch sein Zeugnis der Gerechtigkeit und Liebe ist so beeindruckend, dass der verantwortliche Offizier ihn freilässt...

Die Einsamkeit von Franz und Jean –
das Geschick von Propheten und Zeugen

Franz und Jean sind immer wieder von Kirche und Gesellschaft alleingelassen. Sie sind ihrer Zeit voraus, ebnen den Weg für andere, die nachfolgen, um die Kirche zur Gewaltfreiheit Jesu zurückzuführen, um friedenschaffende Kraft in der Welt zu sein.

Franz
Wir wissen von der Einsamkeit Franz Jägerstätters, wie Priester und Kirchenführer sich scheuten, sich fürchteten, ihn in seiner evangeliumgetreuen Haltung zu unterstützen oder in ihrer Verblendung nicht einsichtig waren in den Frevel dieses Krieges, der ihnen von der Propaganda als Kampf gegen den Kommunismus eingehämmert wurde. Wir wissen von seiner Einsamkeit in seinem eigenen Umfeld, im Dorf, hätte es nicht Franziska gegeben, die ihn verstand, die seine Stütze war in aller Not, die für sie beide aus Franzens Entschluss erwuchs. Gerade deshalb ist es eine große Ermutigung, dass die Kirche  nach vielen Jahren, nach langem Zögern, nach dem mutigen Aufarbeiten seines Zeugnisses durch Gordon Zahn,  Erna Putz u.a. wie durch die theologische Betreuung durch Bischof Manfred Scheuer, Franz seliggesprochen hat. Ein Seliger, ein Vorbild, ein Herausforderer für die Kirche auf ihrem Weg zu einer befreienden und versöhnenden Friedenskirche.

Jean
Auch Jean Goss war einsam, oft missverstanden, zurückgewiesen, angeklagt, verspottet. 1945 kehrt Jean aus der Kriegsgefangenschaft in ein, nach der deutschen Besetzung und dem Vichy-Regime verarmtes, politisch und kirchlich zerrissenes Frankreich zurück. Er ist von dem brennenden Wunsch erfüllt „sich jeden Augenblick dem Willen Gottes...für die Befreiung und Erlösung der Menschen zur Verfügung zu stellen“. (Brief an H.Mayr, 3.7.1956)

Er ist auf der Suche nach Personen, die wie er überzeugt sind, dass jedem Menschen, auch dem Gegner und Feind, weil von Gott erschaffen und geliebt, unbedingte Achtung gebührt und die deshalb Gewalt und Krieg verurteilen. Er kontaktiert die bekannten christlichen Intellektuellen der Epoche wie Francois Mauriac, Louis Massignon, Maurice Vaussard, er befragt die großen Theologen  Congar, Chenu, Dubarle. Sie verstehen seine vom Evangelium inspirierte Gewaltfreiheit, doch sie teilen nicht seine Überzeugung. So mancher von ihnen hatte im bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Besatzung gekämpft.

Erst in Henri Roser, Pastor der Reformierten Kirche und Vorsitzender des Französischen Versöhnungsbundes, begegnet Jean einem Christen und einer Bewegung, die die Gewaltfreiheit Jesu als grundlegendes und verpflichtendes Prinzip ihres Glaubens und ihres Lebens versteht. Er hilft Jean die theologischen Fundamente der Friedensbotschaft Jesu  zu erarbeiten, erklärt ihm den Kompromiss, den die Kirche seit dem 4. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin in den Fragen von Gewaltanwendung und Machtpolitik einging und die Theologie des  sog. „Gerechten Krieges“. Er ermutigt ihn, die Gf. Jesu in der Katholischen Kirche zu bezeugen.

Jean Goss wird Kriegsdienstverweigerer: Langsam reift in Jean die Überzeugung, dass es notwendig ist, die Verbindung mit der Armee völlig zu brechen. Am 20. Dezember 1948 richtet er folgendes Schreiben an den Verteidigungsminister: “Herr Minister, heute habe ich  meinen Militärpass und mein Kriegsverdienstkreuz eingeschrieben an Sie persönlich zurückgeschickt. Ich hatte dies, so lange es mir möglich war, behalten. Da mein Gewissen mir nun verbietet zu töten, kann ich nicht länger behalten, was mich noch an diese Verpflichtung bindet. Seit Jahren führe ich diesen Kampf mit mir selbst. Heute befreie ich mich davon mit innerem Frieden. Ich stehe Ihnen für alle Maßnahmen, die sie mir gegenüber zu ergreifen berechtigt sind, zur Verfügung.“

Zu dieser Zeit gab es kein Gesetz zum Schutz von Kriegsdienstverweigerern in Frankreich. Man hätte ihn verhaften können. Von nun an kämpft er anseiten von Abbé Pierre, Henri Roser u.a. um ein solches Gesetz durchzusetzen.

Jean Goss, Zeuge der Gewaltfreiheit Jesu in der Kirche

Zu Beginn der 50er-Jahre gelingt es Jean, eine Arbeitsgruppe zur Frage der Gewaltfreiheit Jesu ins Leben zu rufen. Ihr gehören u.a. der Jesuit Pierre Lorson, die Dominikaner Régamey und Journet und der Arbeiterpriester Boudouresque an. Während dieser Jahre verknüpft sich diese Gruppe mit Gleichgesinnten in Europa und den USA (Dorothy Day, Thomas Merton), so dass zu Beginn des Konzils ein Netzwerk katholischer Gewaltfreier besteht.

Seit seiner Rückkehr  1945 setzte sich Jean an der Seite der Armen ein. Diese waren meist Mitglieder der damals starken Kommunistischen Partei,  durch die  sie eine soziale Verbesserung des Lebens erwarteten. Die Partei verfügte auch über eine, von Moskau orientierte Friedensbewegung “Mouvement de la Paix“. Immer wieder wurde Jean vorgeworfen, dass die Katholische Kirche sich nicht gegen die Wiederaufrüstung und die Atomwaffen einsetze. Wir dürfen nicht vergessen, dass in den 50er-Jahren der Kalte Krieg zwischen Ost und West  gefährlich eskalierte, die christlichen Kirchen großteils mit der Politik des Westens verbunden waren und der Möglichkeit eines „Gerechten Krieges“ gegen den Osten oder zumindest der Abschreckung durch Atomwaffen zustimmten.

Das Schweigen der Katholischen Kirche war für Jean eine schwere Last. Als er jedoch erfuhr, dass ein Kirchenrechtler des Heiligen Offiziums (heute Glaubenskongregation) im Vatikan geschrieben habe, “der Krieg ist völlig zu untersagen“, entschied er sich spontan Msgr. Alfredo Ottaviani (späterer Kardinal und Bremse im Konzil) aufzusuchen. Da er auf mehrere Schreiben keine Antwort erhielt, trat Jean im März 1950 die Reise nach Rom an. Ohne Einladung musste er sich im Vatikan  mit lauter Stimme Zutritt verschaffen, indem er auf sein Recht als Glied des Leibes Christi pochte.

Erstaunt über diesen Lärm tritt Ottaviani aus seinem Büro. Jean verbringt zwei Stunden mit ihm. Er gibt Zeugnis von seinem Einsatz als Soldat gegen Hitler, der viele unschuldige Menschen getötet hat und von der Einsicht, die Gott ihm schenkte, dass alle Menschen ausnahmslos von ihm geliebt und deshalb absolut zu achten sind, er spricht von dem gewaltlosen Befreiungsweg Jesu, der während seiner Kriegsgefangenschaft selbst Nazis zur Umkehr brachte. Er besteht darauf, dass wir Christen den Kommunisten ein Zeugnis dieser Liebe zu geben hätten und dass ein Christ jeden Krieg verweigern müsse. Tausende Christen erwarten diesbezüglich eine Stellungnahme von der Kirche.

Ottaviani ist zutiefst berührt. Er sagt zu Jean: „Die Kirche ist noch nicht so weit, doch du hast eine Mission in der Kirche und in der Welt, die Gott Dir anvertraut hat. Geh und gib Zeugnis“. Und dieser konservative Kardinal wird diese Haltung im Konzil vertreten und unsere Arbeit  dort unterstützen. In einer Kommission sagte er:“ Mit diesem Jean Goss ist nicht zu spaßen; doch das ist der Atem des Heiligen Geistes.“

Friedenslobby beim 2. Vatikanischen Konzil – Jean Goss ist nicht mehr allein.

10 Jahre später, am 25. Dezember 1961 verkündet Johannes XXIII. die Abhaltung des 2. Vat. Konzils. Durch unsere Taufe wissen Jean und ich uns verpflichtet, uns dafür einzusetzen, dass die Friedensverantwortung der Kirche in das Konzil eingebracht wird. Es ist der Höhepunkt des Kalten Krieges, die Bedrohung  durch einen Atomkrieg versetzt die Menschheit in Schrecken. Sie erwartet eine starke Friedensbotschaft der Kirche. Im Namen des Internationalen Versöhnungsbundes und in wachsender Zusammenarbeit mit Pax Christi und anderen Friedensgruppen bauen wir eine Friedenslobby auf, um  Bischöfe und Theologen zu gewinnen, diese Frage auf die Agenda zu setzen. Es ist keine leichte Aufgabe, da vor allem Gruppen  um Kardinal Spellman aus den USA den „Gerechten Krieg“ (gegen den Osten) zu bestätigen suchen. Es gelingt uns, prominente Konzilstheologen wie Karl Rahner, Yves Congar und Bernhard Häring zu gewinnen, uns zu helfen Eingaben (in Latein) zu formulieren sowie Bischöfe, die die Vorschläge unterstützen, zusammenzuführen.

Im Wesentlichen sind es drei Forderungen, die eingebracht werden:
- Den modernen Krieg und  die Herstellung von ABC-Waffen sowie deren Verwendung zur Abschreckung zu verurteilen;
- das Recht auf Militärdienstverweigerung und den Ungehorsam gegen unmoralische Gesetze und Befehle zu bekräftigen;
-  Die Gewaltfreiheit Jesu als Leitlinie für die Friedenslehre und das Friedensengagement der Kirche anzuerkennen.

Jean führt Gespräche mit sehr zahlreichen Konzilsvätern. Sein, auf seine Erfahrungen gegründetes Zeugnis, das unseren Auftrag zum Dialog mit dem Feind einschließt, beeindruckt viele Konzilsväter, die bisher einseitig die Haltung des Westens vertraten. Die Auseinandersetzungen sind hart, aber von großer Offenheit im Vertrauen auf das Wirken des Geistes Gottes.

Während der letzten Konzilsperiode wird  im Rahmen von Gaudium et spes die Friedensfrage (im Kapitel 5) behandelt. Unsere Vorschläge werden nur teilweise aufgenommen, doch es sind Ansätze für die Weiterentwicklung unter Johannes .Paul II. (Vergebungsbitten) und Benedikt XVI.

Viel stärker jedoch war der Widerhall im Volk Gottes in unterdrückten Nationen, die sich  nach dem Konzil gewaltfrei gegen Unrecht erhoben: Solidarnosc in Polen, People Power in den Philippinen wie in Madagaskar, evangelische Christen in der DDR. Und diese Erfahrungen wirken auch heute kraftvoll weiter, meist inspiriert durch eine Religion (Buddhismus, Hinduismus, Islam) oder durch eine humanistische Haltung wie die junge Generation im Maghreb.

Franz und Jean – Geburtshelfer für gewaltfreies Friedensschaffen in der Gesellschaft

Franz
Wegen seines Märtyrertods war es Franz Jägerstätter nicht gegeben, persönlich in der Nachkriegszeit seine Haltung gegen den Krieg zu bezeugen. Doch die Aufarbeitung seines Zeugnisses gegen den Krieg und das Nazi-Regime hat Kirche und Gesellschaft in Österreich und darüber hinaus gezwungen, sich einerseits neu der Frage des sog. „gerechten Krieges“ zu stellen, andererseits hat sie einen wirksamen Anstoß zu der langen, noch nicht abgeschlossenen Auseinandersetzung um die Anerkennung und Rehabilitierung der Opfer des Nationalsozialismus gegeben, d.h. zu einem Prozess der Meinungsbildung, des Umdenkens, der Vergebung und Versöhnung angestoßen. So ist Franz weiterhin Kämpfer für Frieden und Versöhnung  in unserem Land. - Möge er uns weiter begleiten!

Jean
Jean Goss war berufen, in Treue zu seinem Gewissen und seiner Mission, Zeuge der Gewaltfreiheit Jesu in der Welt zu sein, dabei nicht selten vom Tod bedroht.

Im Algerienkrieg (1956-62) setzte er sich  mit der gewaltfreien Bewegung „Action Civique Non-Violente“ für ein Ende des Krieges und die Unabhängigkeit Algeriens ein. Um die Wahrheit über diesen Krieg aufzudecken, transportierte er geheime Dokumente und Flugblätter aus Belgien nach Frankreich z. B. über Folterungen der französischen Armee in Algerien.

In der Ost-Westarbeit  während des Kalten Krieges half er durch Pionierarbeit das Gespräch mit dem Feind über den Eisernen Vorhang hinweg aufzubauen.

Schulung in Spiritualität und Methoden der Gewaltfreiheit. Bald erkannte er die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Schulung in Gewaltfreiheit, um Menschen auf  ihr Engagement vorzubereiten. So entstanden Seminare, die stets die beiden Pole: Spiritualität und Methoden verbanden und die im Menschen grundgelegte Gütekraft entfalten halfen und zur Anwendung brachten. Jean wurde in viele Krieg und Unterdrückung unterworfene Gebiete eingeladen, half dort Angst zu überwinden und die befreiende Kräfte der Gewaltlosigkeit freizusetzen.

Franz und Jean waren getragen von einer Partnerschaft

Den Weg des Propheten, Mystikers oder Zeugen geht man selten allein. Menschwerdung vollzieht sich ja  in der Begegnung mit Anderen. Je tiefer eine  geistige, intellektuelle, seelische – auch körperliche – Begegnung ist, umso mehr trägt sie zu Reif-Werdung bei und wird Hilfe auf dem Weg zu Klärung, bei der Überwindung von Krisen (auch in unserer Beziehung),  in Zeiten des Zweifels, der Enttäuschung, der Leere. Ja, wir benötigen die gegenseitige Ergänzung, das Vertrauen, die Geborgenheit.

Ich selbst empfinde die Begegnung und das Miteinander mit Jean als ganz große Gnade in meinem Leben, als ein Geschenk, das uns gegenseitig geprägt hat: ja, wir benötigten einander. Jean's vulkanische Liebe bedurfte der ausgleichenden Sachlichkeit und intellektuellen Begleitung unseres Engagements; mir wurde von Jean das unerschütterliche Vertrauen ins Leben, an die Gegenwart Gottes im Leben geschenkt, die in mir durch die Erfahrung von Krieg und Gewalt in jungen Jahren geschwächt, verletzt waren.

In gleicher Weise war Franziska ein Gnadengeschenk für Franz. Es sind dies Bindungen, die über den Tod hinausreichen, weiter wirken und für viele andere Menschen fruchtbar werden. In diesem Sinne möchte ich meine Ausführungen mit Dank und in tiefer Verbundenheit mit Franz, Franziska und Jean schließen.

Alle Zitate sind dem Buch Hildegard Goss-Mayr, Jo Hanssens „Jean Goss – Mystiker und Zeuge der Gewaltfreiheit“, Patmos 2012 entnommen.

Kurzmeldungen und Termine:

30. Internationale Sommerakademie: Flucht und Migaration – von Grenzen, Ängsten und Zukunftschancen
Sonntag, 30. Juni 15:00 Uhr bis 5. Juli, In Diskussionen, Workshops und Vorträgen gibt es ein breites Spektrum an verschiedenen ExpertInnen. Die ChristInnen für die Friedensbewegung organisieren wieder jeden Tag eine interreligiöse Meditation (wie im Vorjahr).
Der Bericht über Sommerakademie 2012 „Wege aus der Krise – Ideen und Konzepte für morgen“ mit den Referaten und dem bei der Sommerakademie erarbeiteten Schlaininger Manifest ist erschienen.
Dr. Thomas Roithner hat gemeinsam mit Johann Frank und Eva Huber ein neues Buch „Wieviel Sicherheit braucht der Friede? Zivile und militärische Näherungen zur österreichischen Sicherheitsstrategie“ herausgegeben.
Weitere Infos auf der neuen Homepage der Friedensburg:
http://www.aspr.peacecastle.eu/

Ökumenische Gottesdienste im Karl-Marx-Hof
finden jeweils um 10:00 Uhr in den Räumen des PensionistInnenclubs, Eingang Grinzinger Straße, Ecke Heiligenstädter Straße statt: Sonntag, 7. April, 12. Mai, 2. Juni und 30. Juni

KAB Vesper
Die Vesper der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung St. Pölten findet jeden letzten Sonntag im Monat um 20:00 Uhr im Jugendhaus Schacherhof in Seitenstetten (Bezirk Amstetten) statt (auch am Abend des Ostersonntags).

Pax Christi Tirol
Stammtisch im Haus der Begegnung, Innsbruck „Friede – Gerechtigkeit – Schöpfung“, jeweils am letzten Donnerstag im Monat um 19:00 Uhr, mit Vroni und Jussuf Windischer

Pax Christi Wien
trifft sich wieder am Montag, 8. April 2013 um 18:00 Uhr in der Alten Burse, 1010  Wien, Sonnenfelsgasse 19 (U3 Stubentor).

Die Friedensinitiative 22
trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat um 19:00 Uhr in der Donaucitykirche, 1220 Wien, Donaucitystr. 2, U1 Kaisermühlen-VIC:

Dienstag, 12. März 2013: 18.00 Uhr Überparteiliche, antifaschistische Kundgebung „An 1938 erinnern – daraus für heute lernen“ vor der Donaucitykirche: Erinnern, anschließend Eröffnung der Ausstellung „1938“

Dienstag, 9. April, 19:00 Uhr „Damoklesschwert Atomrüstung“, Bericht von Manfred Sauer, OMEGA-IPPNW über eine Tagung des Roten Kreuzes

Dienstag, 14. Mai, 19:00 Uhr „Jesus und / oder Marx?“, Dr. Balazs Nemeth, Aktion Kritisches Christentum

Wir sind Kirche

Donnerstagsgebete für Reformen in der Katholischen Kirche:
Do., 14. März, 19:00 Uhr, Thema „Imagine“, Pfarre Maria Hietzing, 1130 Wien, Am Platz 1
Do., 14. März, 19:15 Uhr, Thema „Sehnsucht“, Donaucity-Kirche, 1220 Wien, Donaucitystraße 3 (U1 Kaisermühlen VIC)
Do., 21. März, 20:00 Uhr, Pfarre Hütteldorf, Im Pfarrzentrum, 1140  Wien, Hüttelbergstraße 1o., 31. Jänner, 20:00 Uhr, Ort: Pfarre Hütteldorf, 1140 Wien, Hüttelbergstraße 1A

Lainzer Kreis, Sonntag, 17. März, 15:00 Uhr: ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Treitler „Wer oder was ist für die Menschen heute Gott?“, Kardinal-König-Haus, 1130 Wien, Kardinal-König-Platz 3 (Lainzer Straße 138)

Sa., 6. April, Tagung des Regionalforums der Basisgemeinden „Kirche im Wandel – Gemeinde leben in neuen Strukturen“. 14:00 Uhr – 19:00 Uhr, Pfarrzentrum Schwechat, Zirkelweg

Evangelische Akademie
Mi., 13. März, 18:30 Uhr Christlich-Marxistischer Arbeitskreis
Evangelische Akademie, 1090  Schwarzspanierstraße 13

SADOCC
Do., 14. März, 19:00 Uhr, Kathrin Gradt und Erwin Schweitzer, Vom Staat zur Gemeinschaft - Hirtennomaden und rurale Wasserversorgung im Neuen Namibia, SADOCC-Bibliothek, 1040 Wien, Favoritenstraße 38/Stiege18/1
Mo., 25. März, 19:00 Uhr, „Der Friseur von Harare“ Lese- und Gesprächsabend mit Tendai Huchu in Englisch und Deutsch, Friseursalon Akwaba Rose, 1090  Wien, Währingerstraße 41

Die Lange Nacht der Kirchen
findet am Freitag, 24. Mai 2013 statt. Die ChristInnen für die Friedensbewegung machen diesmal in der Donaucitykirche mit.
http://www.langenachtderkirchen.at/

Vorschau Hiroshima-Gedenken 2013
Dienstag, 6. August 2013, 18:00 Uhr Stephansplatz, 20:30 Uhr Laternenmarsch vom Stephansplatz zum Teich vor der Karlskirche
Freitag, 9. August 2013, 19:00 Uhr, Buddhistischen Lichterzeremonie bei der Wiener Friedenspagode, 1020  Wien, Hatenzufahrtsstraße
Samstag, 10. August, 10:00 Uhr – 13:00 Uhr, Friedensaktion in der FußgängerInnenzone in Melk
Infos: www.hiroshima.at

E-Mail: friedenschristinnen@gmx.at 

Friedensbüro: pax.vienna@chello.at

BITTE UM SPENDEN
an Konto IBAN AT47 2011 1000 0403 2675,
BIC GIBAATWW
Aktionsgemeinschaft Christen f. d. Friedensbewegung
DANKE!

 

Impressum: MedieninhaberIn, HerausgeberIn, VerlegerIn: Verein "Unterstützungsausschuss zur Förderung der Österreichischen Friedensbewegung", ZVR-Zahl 223988557, alle: 1170 Wien, Rosensteingasse 69/6. Gestaltung dieser Ausgabe: Andreas Pecha, Alois Reisenbichler, Sabine Strobl. Druck: Die Kopie, 1010  Wien, Franz Josefs-Kai 33

 

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: EigentümerIn: 100 % Verein "Unterstützungsausschuss zur Förderung der Österreichischen Friedensbewegung". Blattlinie: Die Zeitung ist Organ des oben genannten Vereines. Sie tritt in ihren Artikeln für Frieden, Abrüstung, Völkerverständigung und soziale Gerechtigkeit ein. Diese Zeitschrift ist eine Plattform für den Dialog zu aktuellen Fragen der Friedenspolitik.

Das „Informationsblatt der Christinnen und Christen für die Friedensbewegung“ erscheint unter dem Zeitungstitel „Betrifft Frieden“ – Redaktion und Adressverwaltung bleiben eigenständig.



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